Montag, 15. Juli 2013

Auf dem Friedhof Eythstraße in 12105 Berlin

Ein Marienkäfer mit fünf Punkten auf dem Panzer besucht meine Hand. Er ist auf der Pirsch und braucht einen Platz, wo er sich kurz in Ruhe putzen kann. Der Ringfinger bietet ihm den nötigen Raum. Zuerst wird der Kopf vom Körper zur Spitze von den vorderen Beinchen untersucht und gesäubert. Dann breitet er die beiden Teile seines orangenen Hornpanzers aus und streckt seine Flügel, grau und durchsichtig, um sie abwechselnd mit den jeweiligen Hinterbeinen zu untersuchen. Bevor er die Flügel wieder unter die Panzer faltet, reckt er sich und streckt sie weit von sich. Von der Fingerspitze bis über das erst Gelenk des Ringfingers reicht seine Spannweite. Nun erkunden seine Fühler die nahe Umgebung und entdecken den ausgestreckten kleinen Finger. Er erklimmt ihn bis zur Spitze des Fingernagels, breitet seine Flügel aus und fliegt in Richtung Weiher davon.
Will er die Enten und Teichhühner besuchen, oder nimmt er auf einem Seerosenblatt Platz?
Kleine gelbe Blüten wachsen zwischen den Blättern hervor. Sie ähneln Ranunkeln in ihrer kugeligen Form.
Ein Erpel schwimmt an den Rand des von Seerosenblättern gebildeten Teppichs. Auf einem Ast, der von einem kleinen Baum am Ufer in den Weiher hinab ragt, beäugt er die Unmöglichkeit.
Knatschgelb und quitschorange ragen Brust und Bauch eines Stofftiers aus dem Wasser.
Der nasse Tot einer Plüschente?



Ruheort
 Die Bank, die ich suche, die gab es einmal,
auch den Steeg hat die Zeit mitgenommen.
Der graue Reiher stand dort wie Stahl,
die Fische sind weiter geschwommen.

Ich sitze hier nun vor Rohwedders Grab
und höre und spüre den Wind.
Zwischen den Seerosenblättern, da starb 
die Plüschente von einem Kind.

Ich sitz auf der Bank mit den Füßen im Licht,
mein Rücken ist nicht entzückt,
auf Stille mit Einsicht muss ich verzicht`,
der Räumer räumt wie verrückt.

Der Wind lässt sich von alldem nicht stör´n,
er biegt die Äste hinab,
Zwischendurch kann man neben sich hör´n
wie Früchte fallen auf´s Grab.

Ein Flugzeug braust in die Ferne, ganz weit.
Ich bleibe lieber hier.
Die Enten schnattern zu dritt und zu zweit,
und oftmals sind es vier.

Ameisen und Käfer spielen ein Spiel,
es heißt: Überleben auf Erden.
Bis eines Tages vom Rechen mit Stiel
zum Haufen Abfall sie werden.

Die Damen drüben am Ufer des See´s,
sie reden über Gott und die Welt,
der Pulli in rosa, das Haar weiß wie Schnee,
und außerdem noch über Geld.

Ruhe sucht man vergeblich hier,
der Bagger gräbt ein Loch.
Begraben wird hier niemals ein Tier,
die Menschen brauchen sie doch.

Denn oftmals ist es ein Teil deiner selbst,
was wegfällt aus deinem Leben.
Nun hast du ein Grab, an dem du fest hälst
und teuer ist es daneben.

Die Suche nach Ruhe führte mich hierher.
Der Räumer, der Bagger sind laut.
Der Krach und die Stille komm´ gemeinsam daher
und Landschaft wird zu gebaut.

Schon wieder ein Flugzeug, wohin will es nur?
Ein Erpel schüttelt die Schwingen.
Gibt es hier irgendwo Ruhe pur?
Ein Loblied würde ich singen.

Nun ist auch noch das Klohäuschen zu.
Geh ich hinter Rohwedders Stein?
Nein, das stört nun wirklich die Ruh.
Ich lasse es doch besser sein.

Die Damen haben Gesellschaft bekommen.
Ein Ehepaar füttert die Enten.
Mein Vorrat an Wasser hat abgenommen.
Nun lass ich es dabei bewenden.