Freitag, 26. April 2013

Die Fürstin und der Herzog


Der auffrischende Wind wehte vermehrt den Gestank von Blut und Pulver zu ihr
auf den Hügel am Rand des Schlachtfeldes. Es war mittlerweile so dunkel geworden,
dass sie durch das Fernrohr kaum noch etwas sehen konnte. Auch war ihr Pferd
unruhig und tänzelte unter ihr, nicht nur durch das Aroma der Schlacht, sondern
auch vor Hunger und Durst. Sie konnte es kaum noch ruhig halten, genau wie die
Soldaten der Reiterstaffel rechts und links neben ihr, die bereitwillig in den Tod
gehen würden um sie zu schützen.
„Schicken Sie zwei Reiter, die die Lage erkunden sollen!“ rief sie dem Offizier zur
ihrer Linken zu.
„Jawohl, Euer Durchlaucht!“ antwortete eine männliche Stimme aus der
Dämmerung.
Sie hatte einige Mühe ihr Pferd zurückzuhalten, als die Späher mit ihren Pferden
den Hügel hinunter galoppierten.
Nach einiger Zeit waren sie wieder zurück und berichteten, dass die Schlacht wegen
der Dunkelheit ganz zum Erliegen gekommen war.
Sie gab den Befehl zum Sammeln und fast gleichzeitig erklang das Signal des Horns
auch vom gegenüberliegenden Hügel des Feindes.
Bei einem nahe gelegenen Turm war ein gutes Gasthaus, in dem sie Unterkunft
gefunden hatte. Die Soldaten lagerten darum herum und versorgten die Pferde.
Das schwere, dunkle Reitkleid, in dem sie den ganzen Tag in der Sonne auf dem
Hügel die Schlacht beobachtet hatte, lag auf dem Bett im angrenzenden Raum. Sie
trug ein leichteres Abendkleid, und aß nur ein wenig vom Hühnchen. Die Gedanken
schnürten ihr die Kehle zu. Das restliche Essen stand auf einem kleinen Wagen an
der Seite, als die Offiziere zur Besprechung eintraten, und sie bat die Männer
zuzugreifen.
Die Reiter hatten berichtet, dass der Feind zwar geschwächt, aber noch nicht
vernichtend geschlagen war, und man besprach die Strategie des kommenden Tages.
Sie hatte starke Verluste erlitten, aber der Feind war mehr geschwächt worden.
Beide Seiten wären aber durchaus noch in der Lage, den Sieg zu erringen. So war das
Ende offen und der kommende Tag würde die Entscheidung bringen.
Voller Sorgen legte sie sich später auf das nicht sehr bequeme Sofa. Das Bett
nebenan blieb ungenutzt, an einen entspannenden Schlaf war nicht zu denken. 

Er hatte für sie jetzt etwas vom nahenden Tod.





Ein lautes >Ping< riss Sybilla aus dem unruhigen Schlummer. Sie sah sich um. Mittlerweile war sie allein im Abteil. Die Bewegungen des Zuges hatten sich
wohl auf die Maus übertragen, so dass der Standby-Modus in ihrem Laptop
verhindert wurde. Das Schachbrett mit einigen letzten Figuren war klar und
deutlich zu sehen, doch darüber war die eingegangene Nachricht angezeigt, die
das >Ping< verursacht hatte.
„Hallo, Schachpartner, ich bin kurz weggeknickt. Sollen wir weiterspielen? C.“
Sybilla schrieb zurück:
„Hallo, ja ich auch. Ich werde mir aber erst noch einen Kaffee holen. S.“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
„Das ist eine gute Idee, aber bis zum Zug-Bistro ist es von hier zu weit. C.“
Sybilla staunte. Sie hatte sich über die gute Internetverbindung gefreut, war
aber nicht auf die Idee gekommen, dass ihr Schach-Gegner womöglich auch in
diesem Zug saß. Oder war es doch anders? Sie war plötzlich ganz wach:
„Ich sitze im Zug nach Offenburg im Wagen 2. Sie etwa auch? S.“
„Ach, das ist ja lustig! Ich auch, nur in Wagen 13 und ich fahre bis Freiburg.
Bei mir sind gerade in Frankfurt ganz viele Leute zugestiegen, und es ist nicht
mehr so gemütlich. Ist bei Ihnen noch Platz? C.“
„Ja, hier ist alles frei. Aber ich weiß nicht, ob noch jemand reserviert hat.
Vielleicht lässt sich dann aber eine Lösung finden. S.“
„Ist es Ihnen Recht, wenn ich kurz zu Ihnen komme, damit wir uns kennen
lernen? Ich würde auch Kaffee aus Wagen 8 mitbringen. C.“
„Ja, das ist eine gute Idee. Bis gleich! S.“
Sybilla freute sich über diese Wendung. Ein gutes Gespräch mit einem
Mitfahrer ist immer eine Bereicherung. Und dass dieser Jemand auch gleich an
Kaffee gedacht hat, lässt auf eine Frau schließen. Mit einer Frau kann man
auch ganz anders über Schach reden, als mit einem Mann. Die sind immer so
konsterniert, wenn man mit ihnen strategischen Kenntnisse austauscht.
Nach einer Weile, Sybilla schaute ganz versonnen aus dem Fenster, öffnete
sich die Abteiltür.
„Sind Sie etwa mein Schachpartner???“
Ein junger Mann, so etwa Mitte 30 mit zwei Becher Kaffee in der einen Hand,
hielt sich mit der anderen Hand am Türgriff fest, als würde er sonst umfallen.
Mit fassungslosem Gesicht sah er sie an.
Sybilla schaute ihn nicht weniger erschrocken an.
„Ja, wenn Sie aus Wagen 13 sind?“
„Ja, das ist richtig!“ Nach einer weiteren Schrecksekunde löste sich seine
Erstarrung, er stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und streckte Sybilla seine
Hand entgegen: „Entschuldigung! Ähem.. Mein Name ist Christian Herzog.“
„Sybilla Fürst, angenehm.“ Sein Händedruck war für sie angenehm.
Christian nahm gegenüber Platz und sein Gesicht wandelte sich in verlegene
Freundlichkeit.
„Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse. Ihrem Spiel nach hielt ich Sie für einen
Mann.“
Sybilla blieb reserviert: „Das sagt man oft zu mir. Ich lernte Schach bei
meinem Vater.“
Er hörte die Enttäuschung in ihrer Stimme und verstand es nicht.
Beide griffen gleichzeitig zu den Kaffeebechern. Sybilla gab die Milch aus den
kleinen Kapseln zu ihrem Kaffee, aber es war trotzdem zu heiß zum trinken.
„Was bekommen Sie?“ fragte sie ihn, und griff nach ihrer Handtasche.
„Nein, nein! Das ist schon in Ordnung! Das Spiel war für mich ein Genuss.
Entschuldigen Sie bitte! Wenn ich gewusst hätte, dass Sie eine Frau sind, hätte
ich mich nicht so einfach eingeladen.“
>>Also doch!<< dachte Sybilla, und ihre Enttäuschung ging langsam in Ärger
über. Sie wollte gerade anfangen einen energischen Vortrag über die Rolle der
Frau von Ende 20 im Zusammenhang und Gegensatz der vergangenen und
heutigen Zeit und Gesellschaft zu halten und ihn damit zu verjagen, als sie in
seinem Gesicht bewundernde Hochachtung bemerkte.
„Wissen Sie“, begann Christian, „der letzte Zug von Ihnen hat mich so
überrascht, dass ich vor lauter Überlegen eingeschlummert bin. Diese ganzen
Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, und nicht nur für Sie, sondern auch für
mich, das möchte ich mal im Einzelnen durchspielen. Wären Sie bereit, mir
dabei zur Seite zu stehen?“
>>Huch, das ist ja mal ganz was anderes!<< dachte Sybilla, holte Luft und
sprach:
„Das Internet ist eine tolle Sache, das lässt sich bestimmt machen“, als sich
die Abteiltüre öffnete und einige Leute die reservierten Plätze einnehmen
wollten.
Christian sah Sybilla flehentlich an: „Ach bitte, können wir nicht in den Bistro-
Wagen gehen, und dort weiter reden?“
Sie dachte noch: >>Wenn ich nicht mehr mag, kann ich einfach in mein Abteil
zurückgehen.<<
Doch als sie sich an den kleinen Tisch setzten, fing Christian an von sich zu
sprechen und irgendwie war das Thema Schach vorbei. Sybilla lernte einen
Christian kennen, der gar nicht verlegen oder konsterniert war, sondern ihr die
Hochachtung entgegen brachte, die sie so häufig vermisst hatte. In kurzer Zeit
hatten sie aneinander Gefallen gefunden, und waren sich über mindestens ein
weiteres Treffen klar.